Der Flüchtlingszug

Am 08.06.1945 erreichte ein Flüchtlingszug den Bahnhof Trittau. Lesen Sie im Folgendem die verschiedenen Aufzeichnungen zu diesem 'merkwürdigen Zug`.

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Beginnen wir mit dem Bericht der Betriebsverwaltung Lehnin an die Provinzialeisenbahndirek-tion Potsdam vom 10. April 1946. Hierin wird der Flüchtlingszug der Altlandsberger Kleinbahn erwähnt, der am 22. April 1945 mit Personal dieser Bahn und weiteren Flüchtlingen in Lehnin eintraf.

Einen Tag später, also am 23. April 1945, wurde bekannt, daß die Rote Armee über Beelitz in Anmarsch war. Die Bediensteten bereiteten die Flucht über die Schiene vor und es wurde zugestanden, daß der Altlandsberger Zug und auch der schnell zusammengestellte Lehniner Zug bis 14:45 Uhr Lehnin verlassen können. Der erste Zug fuhr um 13:00 Uhr ab. Um 13:30 Uhr folgte der Zweite. Bereits um 13:45 Uhr erreichte die Rote Armee den Bahnhof Lehnin.

Auf diesem Zug befanden sich hochrangige Eisenbahnpersönlichkeiten. Unter ihnen der Oberste Betriebsleiter des LVA Brandenburg, zeichnungsberechtigtes Vorstandsmitglied der Kleinbahn AG Freienwalde-Zehden, Herr Landbaurat Borchart, der gleichzeitig Aufsichtsratsmitglied der Altlandsberger Kleinbahn AG und der Osthavelländischen Eisenbahn AG und zeichnungsberechtigtes Vorstandmitglied der Lehniner Kleinbahn war. Weiterhin befanden sich ca. 30 Eisenbahnbedienstete, darunter der Betriebsleiter der Kleinbahn Freienwalde-Zehden sowie dessen Vertreter und der Betriebsleiter der Altlandsberger Kleinbahn AG auf dem Zug.

Mit dem Bahnhof Groß Kreutz wurde die Fahrroute der Züge vereinbart, sie sollten über Brandenburg in Richtung Rathenow weitergeleitet werden. Der Lehniner Zug bestand aus Lok 1-60 der Brandenburgischen Städtebahnen, Wagen PPBC 2, C 21, C 22 & C23 und einem O-Wagen mit Kohle beladen. Die Wagen C 21 und C23 wurden vom Personal noch auf der Lehniner Strecke abgehängt.

In Brandenburg-Neustadt wurde die Lok 1-60 der Städtebahn wieder von dem Personal übernommen. Nur die PPBC 2 und der C 22 sind abgerollt. 

Ab hier gibt es bisher keine weiteren detailierten Aufzeichnungen zum  Verlauf der Flucht. Vermutlich vereinigten sich diese beiden Züge mit dem aus Freienwalde-Zehden in Putlitz, wie der nachfolgenden Abschrift der Ursula Wulff zu entnehmen ist.

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Bericht über die Fluchtwege der Kleinbahn Freienwalde - Zehden und ihrer Bediensteten mit Angehörigen.

Heute will ich nun mal die Erlebnisse und unsere Fahrt, die wir von Zehden bis hierher (Trittau) machten, aufschreiben. Bei allem Unglück haben wir trotzdem noch großes Glück gehabt.

Nachdem wir am 1.2. aus Zehden weggingen, waren wir bis zum 28.5. in Bad Freienwalde. Dann begann der Beschuß und wir fuhren mit unserem Zuge nach Putlitz. Die Männer fuhren aber gleich wieder nach Freienwalde zurück und fuhren dort noch Züge bis Hohenwutzen. Ich selbst mußte auch noch nachkommen und waren wir dann noch bis 17.4. in Freienwalde (Die Russen waren da schon bis an die alte Oder und in Freienwalde vieles kaputt). Wir fuhren mit dem restlichen Zug dann Abends von dort ab und am anderen Morgen war der Russe in Freienwalde.

Auf Umwegen kamen wir dann nach Putlitz zu unseren Familien. Dort hatten wir dauernd unter den Tieffliegern zu leiden. Wir hatten ja keine Keller und war dies nicht so einfach. Meistens krochen wir unter unsere Wagen. Ganz nahe bei uns war ein Gefangenenlager mit englischen Soldaten und hatten wir sicher dadurch etwas Schutz. Es ist dann auch alles gut gegangen aber als die Front immer näher rückte und wir schon die Schießerei hörten und unsere Soldaten alle zurückfluteten wurde es uns doch zu heiß dort.

Wir hatten gar keine Erlaubnis zu fahren von der Reichsbahn und sind dann nach einer aufregenden Nacht ganz früh aus Putlitz weggefahren. Dort waren nach einigen Stunden dann auch die Russen. Dann standen wir auf der Strecke zwischen Ludwigslust und Grabow und konnten nicht weiter, weil ein Flackzug der Wehrmacht unsere Strecke  sperrte, dieser sollte gesprengt werden und wären wir beinahe nicht mehr durchgekommen. So waren wir da in der Klemme, vor uns der Amerikaner hinter uns die Russen. Das das keine angenehme Situation war, kann man sich wohl denken. Wir hatten alle unsere Köfferchen gepackt um eventuell  auszusteigen und zu Fuß weiterzugehen.

Wir kamen aber dann doch an dem Flackzug vorbei und bis Grabow, wo am Morgen desselben Tages schon der Ami gewesen war. Uns kam dann die Sache doch etwas komisch vor und wollten wir durchaus weiter, denn der Ami war ja wieder zurückgegangen und vermuteten wir, das der Russe doch bis dahin kam. Der Bahnhof war schon von den Ausländern geplündert und es waren auch einige Gleise kaputt. Wir haben da mit aller Gewalt versucht wegzukommen und der liebe Gott hatte noch ein Erbarmen mit uns. Er schickte uns 5 Minuten vor Toresschluß aus Grabow weg.

Dies war mitten in der Nacht und dachten wir doch unser letztes Stündlein hätte geschlagen. Wir hatten zu unserem Zug noch einen ganz langen O.T. (Todt) Zug und andere Wagen bekommen. Alle 5 Minuten mußten wir anhalten und wurden kontrolliert. Herrn Mickisch nahmen die Amis die Uhr weg, er mußte auch mit in die Baracke der Amis. Wir hatten alle furchtbare Angst ausgestanden, die Männer vorn auf der Lok usw. mußten auch alle runtersteigen. Die ersten Wagen wurden alle durchsucht, aber bis zu uns kamen sie dann nicht, glücklicherweise.

Als wir dann endlich in Ludwigslust ankamen, waren auf dem Bahnhof die KZler unterwegs. Viele Wehrmachtszüge, die stehen geblieben waren wurden ausgeplündert. Auch unsere Leute suchten sich noch was sie gebrauchen konnten. Nachts kamen dann die KZler und durchsuchten unsere Wagen und Sachen und was ihnen gefiehl nahmen sie mit. Die Amis halfen ihnen noch dabei. Was wir in den 8 Tagen dort auf dem Bahnhof erlebten, werden wir unser Leben lang nicht vergessen.

Eines Tages kam dann ein russischer Offizier und sagte bis morgen müssen die Wagen geräumt sein er wäre hier Bahnhofskommandant, und die Wagen gehörten den Russen. Unsere Herren gingen darauf zum Ami, der uns dann sagte, wir können doch in den Wagen bleiben, aber Schutz kann er uns nicht gewähren. Wir zogen es doch lieber vor, die Wagen zu verlassen, um nicht nachher herausgesetzt zu werden. Wir zogen alle in Häuser dicht am Bahnhof, die waren fast alle bombengeschädigt und der Wind fegte hindurch. An richtige Quartiere war gar nicht zu denken.

Wir selbst, meine Tante und ich und Herr und Frau Mickisch wohnten in einem Kellerraum, es war ja schon Mai und es war auszuhalten. (am 2. Mai waren wir hier angekommen). Die Leute bei denen wir wohnten waren sehr nett, als es ihnen möglich war gaben sie uns ein Zimmer, oben im Haus, es war sehr schön. Leider konnten wir in diesem nur 1 Woche wohnen, denn am 6. Juni kam der Befehl, der Bahnhof sollte von Fahrzeugen geräumt werden. Jetzt schleppten wir unsere Sachen alle wieder in unsere Waggons die immer noch da standen und fuhren am 8. Juni von Ludwigslust über Ratzeburg nach Trittau. Wir nahmen noch die beiden Töchter unserer Wirtin mit die dann weiter nach Duisburg wollten. In Ludwigslust wären wir gern geblieben, dort war es sehr schön und die Leute sehr nett. Die eine Tochter schreibt mir heute noch.

In Trittau hatte unser Baurat aus Potsdam, den wir in Putlitz unterwegs aufgelesen hatten einen Bekannten. Dieser war der Betriebsleiter der Kleinbahn auf den Gleisen wir jetzt stehen. Dadurch kamen wir ohne weiteres auf diesen Kleinbahngelände unter. Die meisten Männer fingen auch bei der Kleinbahn Trittau - Tiefstack an zu arbeiten, allerdings in der Gleiskolonne. In Trittau war es sehr schön, aber wir durften auch hier nicht bleiben weil der Engländer den Bahnhof brauchte. Er hat da allerhand vor.

Nun wurde unser Zug getrennt und sind die Waggons auf 4 Bahnhöfe an dieser Strecke verteilt worden. Wir haben nun Glück gehabt und sind nur 4km von Trittau gelandet. So konnten wir immer noch nach dort zum Einkaufen etc. gehen. Hier leben wir jetzt sehr ruhig, der Bahnhof ist etwas abgelegen vom Dorf und kann uns keiner so auf die Finger sehen. Kartoffeln haben wir uns gelesen im Herbst und Holz müssen wir fleißig im Wald suchen. Wir wohnen immer noch in den Waggons. Der Gastwirt am Bahnhof, Hans Beth erlaubte uns immer mal bei ihm zu sitzen, ohne Verzehr, das finde ich sehr nett.

In unserem Wagen ist es jetzt schon sehr kalt, was ja nicht verwunderlich ist. Die dünnen Wände lassen ja alles durch. Unser großer Raum (früher Packwagen) indem wir mit 9 Personen schlafen ist sehr kalt, nicht zum Heizen, und dadurch sehr feucht. Unsere Betten sind abends ganz naß und von der Decke hängen kleine Eiszapfen. Es ist schon sehr schwer, aber was sollen wir machen, an Quartiere ist wohl nicht zu denken. Wir wirtschaften mit Mickischens zusammen, das ist einfacher. In unserem Wagen sind noch Baumanns 3, Peltzers 2. Alle Männer gehen jetzt zur Arbeit bei der Bahn.

Ab 4. November 45 muß nun auch Hilde Bausen und ich arbeiten gehen. Wir waren ja schon lange auf der Suche, aber es war nichts zu finden. Nun hat man uns verpflichtet zum Heereszeugamt der englischen Armee nach Glinde. Wir müssen jeweils eine Stunde mit der Bimmelbahn fahren, arbeiten in einer großen Halle mit sehr vielen Mädels zusammen und drehen Schrauben etc. an. Es ist dort auch sehr kalt und unangenehm, lange wird man das nicht aushalten.

Ende Dez. 1945

Ursula Wulff

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Im Zug aus Freienwalde-Zehden waren nach Aufzeichnungen des Herrn Dr. Löttgers die Dreikuppler 04-20 und 05-20 sowie die Triebwagen MT5 und MT401 und die Wagen 1 und 2.  Allesamt aus dem Fahrzeugpark der Kleinbahn AG Freienwalde-Zehden. Weiterhin berichtet er von mit Eigentumsmerkmalen versehenen Wagen der Altlandsberger Kleinbahn AG bzw. den mit Wagen 11 und 12 gekennzeichneten Wagen der Lehniner Kleinbahn AG und weiteren Güterwagen, die wahrscheinlich im Zug eingestellt waren. Für mich ist es schwer vorstellbar, daß der Zug von Lehnin seine Flucht in den Osten nach Freienwalde verfolgte. Daher meine Vermutung, daß sich die Züge in Putlitz vereinigten und dann gemeinsam nach Trittau fuhren. 

Zu den Angaben von Hrn. Dr. Löttgers bezüglich der Loks 04-20 und 05-20 möchte ich noch anmerken, daß mir Unterlagen aus dieser Zeit vorliegen, wonach zu diesem Zeitpunkt nur eine Dampflok zum Fuhrpark der Kleinbahn AG Freienwalde-Zehden gehörte.

Letztendlich läßt sich aus diesen turbulenten, kriegsgezeichneten Aufzeichnungen, für die ich sehr dankbar bin und für die ich das Ausmaß der menschlichen Tragödie durch die geschriebenen Zeilen sehr wohl nachempfinden kann, ohne sie selbst je erlebt haben zu müssen, folgendes über den Fahrzeugpark schließen. Mit dem Treckzug kamen folgende Fahrzeuge nach Trittau: Dampflok 04-20 & 05-20; Triebwagen MT5, MT401,  die Person-enwagen 1 & 2 der Kleinbahn AG Freienwalde-Zehden und die Wagen PPBC 2 und C 22 der Lehniner Kleinbahn AG. Über Güterwagen gibt es bisher nur Vermutungen.

 

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